{"id":80,"date":"2022-02-16T20:28:43","date_gmt":"2022-02-16T18:28:43","guid":{"rendered":"http:\/\/warum-lesen.de\/?p=80"},"modified":"2022-04-15T08:44:18","modified_gmt":"2022-04-15T06:44:18","slug":"lyrik-entdecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/warum-lesen.de\/?p=80","title":{"rendered":"Lyrik entdecken"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn ich an Lyrik denke, fallen mir viele gro\u00dfartige Dichter ein, die mich in meiner Jugend beeinflusst haben. Erich Fried hat mir von der Liebe erz\u00e4hlt. Bertold Brecht, hat die Fragen eines lesenden Arbeiters gestellt. Die Lyrikerinnen fanden sp\u00e4ter in mein Leben, denn die kamen in unseren Lehrb\u00fcchern nicht vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider kann ich viele Gedichte hier nicht einfach zitieren, weil sie nicht gemeinfrei sind &#8211; das sind sie hier in Deutschland erst 70 Jahren nach dem Tod der Autorin oder des Autors. Aber ich halte das Urheberrecht f\u00fcr sehr wichtig. M\u00f6glicherweise kann ich bei den verschiedenen Verlagen eine Genehmigung zur Ver\u00f6ffentlichung einzelner Gedichte bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fing w\u00e4hrend meiner Schulzeit an, selbst Lyrik zu schreiben, Lyrik-B\u00fccher zu kaufen und zu lesen. Mein erster selbsterworbener Lyrikband hie\u00df \u201eWarngedichte\u201c von Erich Fried. Und in dieser Zeit der Angst, der Zeit in der der Krieg zur\u00fcckkommt nach Europa, f\u00e4llt mir dieser Band wieder ein. In seinem Spiel mit Worten bringt er Gedanken vom Totschlagen, den Abnehmern, von der Mitleidlosigkeit der Mitmenschen, von der Wiederkehr des Krieges so pr\u00e4zise auf den Punkt, dass sie sich einbrennen in unsere Herzen &#8211; so wir denn Herzen haben und keine Steine in der Brust.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Zeiten, in denen ich das gelesen habe, waren \u00e4hnlich: wir hatten Angst vor dem Krieg und haben geglaubt, dass es f\u00fcr uns keine Zukunft gibt. Der Krieg war kalt, die Angst vor der Bombe hei\u00df. No Future &#8211; so hie\u00df meine Generation. NATO-Doppelbeschluss, Waldschadensbericht, Saurer Regen, Friedensbewegung waren unsere Themen. Lange haben wir uns dann einlullen lassen und reiben uns nun erstaunt die Augen: Die Welt steckt mitten in einer Klimakatastrophe &#8211; warum haben wir das nicht kommen sehen? Wir wussten von der globalen Erw\u00e4rmung! Wir stecken in einer Pandemie, wir haben erneut Krieg in Europa und in so vielen anderen Teilen der Welt. Haben wir nichts gelernt? Und nichts verstanden? So wie wir als Menschheit Fluten vergessen, vergessen wir alles?<\/p>\n\n\n\n<p>Wom\u00f6glich lernen wir zu wenige Gedichte, die diese Erinnerungen in uns verankern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gedicht von Carl Zuckmayer kam mir aber jetzt wieder in den Sinn, weil ich zur Zeit immer wieder an Kriegsgedichte denken muss: <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/-hoc-ac5yf\">MORITURI<\/a>, das man sich auf YouTube hier anh\u00f6ren kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unvergesslich ist auch das Gedicht von Georg Heym&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Krieg I<br><br>Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,<br>Aufgestanden unten aus Gew\u00f6lben tief.<br>In der D\u00e4mmrung steht er, gro\u00df und unerkannt,<br>Und den Mond zerdr\u00fcckt er in der schwarzen Hand.<br><br>In den Abendl\u00e4rm der St\u00e4dte f\u00e4llt es weit,<br>Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit,<br>Und der M\u00e4rkte runder Wirbel stockt zu Eis.<br>Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner wei\u00df.<br><br>In den Gassen fa\u00dft es ihre Schulter leicht.<br>Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.<br>In der Ferne wimmert ein Gel\u00e4ute d\u00fcnn<br>Und die B\u00e4rte zittern um ihr spitzes Kinn.<br><br>Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an<br>Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an.<br>Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,<br>Drum von tausend Sch\u00e4deln laute Kette h\u00e4ngt.<br><br>Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,<br>Wo der Tag flieht, sind die Str\u00f6me schon voll Blut.<br>Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,<br>Von des Todes starken V\u00f6geln wei\u00df bedeckt.<br><br>\u00dcber runder Mauern blauem Flammenschwall<br>Steht er, \u00fcber schwarzer Gassen Waffenschall.<br>\u00dcber Toren, wo die W\u00e4chter liegen quer,<br>\u00dcber Br\u00fccken, die von Bergen Toter schwer.<br><br>In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein<br>Einen roten Hund mit wilder M\u00e4uler Schrein.<br>Aus dem Dunkel springt der N\u00e4chte schwarze Welt,<br>Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.<br><br>Und mit tausend roten Zipfelm\u00fctzen weit<br>Sind die finstren Ebnen flackend \u00fcberstreut,<br>Und was unten auf den Stra\u00dfen wimmelt hin und her,<br>Fegt er in die Feuerhaufen, da\u00df die Flamme brenne mehr.<br><br>Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,<br>Gelbe Flederm\u00e4use zackig in das Laub gekrallt.<br>Seine Stange haut er wie ein K\u00f6hlerknecht<br>In die B\u00e4ume, da\u00df das Feuer brause recht.<br><br>Eine gro\u00dfe Stadt versank in gelbem Rauch,<br>Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.<br>Aber riesig \u00fcber gl\u00fchnden Tr\u00fcmmern steht<br>Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht,<br><br>\u00dcber sturmzerfetzter Wolken Widerschein,<br>In des toten Dunkels kalten W\u00fcstenein,<br>Da\u00df er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,<br>Pech und Feuer tr\u00e4ufet unten auf Gomorrh.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich an Lyrik denke, fallen mir viele gro\u00dfartige Dichter ein, die mich in meiner Jugend beeinflusst haben. Erich Fried hat mir von der Liebe erz\u00e4hlt. Bertold Brecht, hat die Fragen eines lesenden Arbeiters gestellt. 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