Wenn ich an Lyrik denke, fallen mir viele großartige Dichter ein, die mich in meiner Jugend beeinflusst haben. Erich Fried hat mir von der Liebe erzählt. Bertold Brecht, hat die Fragen eines lesenden Arbeiters gestellt. Die Lyrikerinnen fanden später in mein Leben, denn die kamen in unseren Lehrbüchern nicht vor.
Leider kann ich viele Gedichte hier nicht einfach zitieren, weil sie nicht gemeinfrei sind – das sind sie hier in Deutschland erst 70 Jahren nach dem Tod der Autorin oder des Autors. Aber ich halte das Urheberrecht für sehr wichtig. Möglicherweise kann ich bei den verschiedenen Verlagen eine Genehmigung zur Veröffentlichung einzelner Gedichte bekommen.
Ich fing während meiner Schulzeit an, selbst Lyrik zu schreiben, Lyrik-Bücher zu kaufen und zu lesen. Mein erster selbsterworbener Lyrikband hieß „Warngedichte“ von Erich Fried. Und in dieser Zeit der Angst, der Zeit in der der Krieg zurückkommt nach Europa, fällt mir dieser Band wieder ein. In seinem Spiel mit Worten bringt er Gedanken vom Totschlagen, den Abnehmern, von der Mitleidlosigkeit der Mitmenschen, von der Wiederkehr des Krieges so präzise auf den Punkt, dass sie sich einbrennen in unsere Herzen – so wir denn Herzen haben und keine Steine in der Brust.
Aber die Zeiten, in denen ich das gelesen habe, waren ähnlich: wir hatten Angst vor dem Krieg und haben geglaubt, dass es für uns keine Zukunft gibt. Der Krieg war kalt, die Angst vor der Bombe heiß. No Future – so hieß meine Generation. NATO-Doppelbeschluss, Waldschadensbericht, Saurer Regen, Friedensbewegung waren unsere Themen. Lange haben wir uns dann einlullen lassen und reiben uns nun erstaunt die Augen: Die Welt steckt mitten in einer Klimakatastrophe – warum haben wir das nicht kommen sehen? Wir wussten von der globalen Erwärmung! Wir stecken in einer Pandemie, wir haben erneut Krieg in Europa und in so vielen anderen Teilen der Welt. Haben wir nichts gelernt? Und nichts verstanden? So wie wir als Menschheit Fluten vergessen, vergessen wir alles?
Womöglich lernen wir zu wenige Gedichte, die diese Erinnerungen in uns verankern.
Ein Gedicht von Carl Zuckmayer kam mir aber jetzt wieder in den Sinn, weil ich zur Zeit immer wieder an Kriegsgedichte denken muss: MORITURI, das man sich auf YouTube hier anhören kann.
Unvergesslich ist auch das Gedicht von Georg Heym
Der Krieg I
Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt,
Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.
In den Abendlärm der Städte fällt es weit,
Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit,
Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.
Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.
In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht.
Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.
In der Ferne wimmert ein Geläute dünn
Und die Bärte zittern um ihr spitzes Kinn.
Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an
Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an.
Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,
Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt.
Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,
Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.
Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,
Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt.
Über runder Mauern blauem Flammenschwall
Steht er, über schwarzer Gassen Waffenschall.
Über Toren, wo die Wächter liegen quer,
Über Brücken, die von Bergen Toter schwer.
In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein
Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein.
Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt,
Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.
Und mit tausend roten Zipfelmützen weit
Sind die finstren Ebnen flackend überstreut,
Und was unten auf den Straßen wimmelt hin und her,
Fegt er in die Feuerhaufen, daß die Flamme brenne mehr.
Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,
Gelbe Fledermäuse zackig in das Laub gekrallt.
Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht
In die Bäume, daß das Feuer brause recht.
Eine große Stadt versank in gelbem Rauch,
Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.
Aber riesig über glühnden Trümmern steht
Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht,
Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,
In des toten Dunkels kalten Wüstenein,
Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,
Pech und Feuer träufet unten auf Gomorrh.
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