Dystopien I
Der Wahrig, Deutsches Wörterbuch (also ich spreche hier von rund 2,7 kg Wortschatz in 250.000 Stichwörtern) übersetzt Dys… in Zusammensetzungen mit schlecht, schwer, schwierig oder widrig. Und Topos als Ort; beides aus dem Griechischen kommend. Zu Dystopie findet man dort allerdings nur eine medizinische Erklärung – nämlich Fehllagerung bzw. Verlagerung von Organen.
So weit, so gut. Literarisch geht es also um einen schlechten, schwierigen Ort zum Leben. Das Gegenteil einer glücklichen Utopie wie sie in dem namensgebenden Werk Utopia von Thomas Morus geschildert wird. Aber die Dystopie spielt meist an keinen vollkommen erfundenen Ort. Wir finden hier eine Welt vor, wie sie sein könnte, wenn wir von hier aus irgendwo falsch abbiegen, nicht auf die Menschenrechte, die Demokratie, die Umwelt, die Freiheit und Empathie aufpassen. Die Welt, die wir in der Dystopie vorfinden, erinnert immer ein wenig an die Wirklichkeit, wie sie heute ist. Ob sich diese Version der Zukunft so ereignet, hängt immer davon ab, wie wir uns heute entscheiden oder verhalten.
Klassiker auf der Liste der Dystopie sind „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley und „1984“ von George Orwell. Meilensteine der dystopischen Literatur, die fast jeder kennt und die mit Sicherheit auf den Kanon der Dystopie gehören. Genau wie „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury. Wo Bücher und selbständiges Denken als derart subversiv gelten, dass der Staat auf Wunsch der Mehrheit der Bürger:innen, die hier durchaus noch wählen können, dagegen vorgeht.
Waren es bis hierher vor allem männliche Protagonisten, die sich gegen die herrschenden Regime stellten (und daran scheiterten) tritt 1985 die Magd Desfred auf die Weltbühne und liefert ihren Report ab. In einer vergifteten Welt sind die meisten Menschen unfruchtbar geworden. Religiöse Fanatiker sind an der Macht. Eine junge Frau namens Desfred soll für einen hohen Offizier und seine Frau ein Kind austragen. Das ist schwieriger als gedacht – und das hat Folgen, die in einer Flucht enden. Oder in einer Verhaftung? Das Schicksal von Desfred und der anderen Frauen hat mir lange keine Ruhe gelassen.
Margaret Atwood, die uns alle mit „Der Report der Magd“ unfassbar mitten ins Herz getroffen hat, sagt zu diesem Buch, dass sie nichts erfunden hat, was es nicht irgendwo so oder so ähnlich wirklich gibt oder gegeben hat. Und dann ließ sie uns über 30 Jahre auf die Fortsetzung warten. „Die Zeuginnen.„
Beide Bücher sind unbedingt empfehlenswert.
Die Macht der Sprache – oder die Macht der Worte ist auch Thema in „Vox“. Vox ist ein Roman von Christina Dalcher in dem Frauen nicht mehr als 100 Worte am Tag reden dürfen. Sie werden per Armband überwacht. Und bestraft. Als die Tochter von der Protagonistin, immer stiller wird und in der Schule nichts mehr lernen darf, beginnt die Mutter, die selbst Wissenschaftlerin in der Aphasie-Forschung ist, Widerstand zu leisten.
Wie gefährlich es ist, wenn Frauen lesen oder das Wort ergreifen… aber Halt – das ist ja gar nicht nur die Zukunft. Für viel zu viele Frauen ist es Gegenwart. Wie Margaret Atwood schon sagte – nichts davon ist erfunden. Leider ähnelt der Roman im Aufbau und vielen anderen Dingen sehr stark dem Report der Magd. Im Zweifel lieber das Original lesen.
Nun, mehr kann ich heute dazu nicht sagen. Meine Worte sind aufgebraucht. Für heute.
Schreibe einen Kommentar